Am GUTENBERG

 

De tentoonstelling in het Gutenberg Museum Mainz onder de titel

'GALERIE DER BUCHKUNST'
"Es stellen im Jahre 2006 aus:

Jean Delvaux (Luxemburg, L),
Felix Martin Furtwängler (Dietratried/Berlin),
Barbara Fahrner (Frankfurt),
Edition Hohes Ufer Ahrenshoop (Ahrenshoop),
Karin Innerling (Aachen),
Ronald King / Circle Press (London, GB)
Robert Schwarz (Mainz),
Vladimir Sitnikov (Kiel),
Joseph J. Visser (Easterlittens, NL)

 

im halbstündigen Wechsel '15-Minuten-Gespräche' mit den Betreibern der ausstellenden Pressen und Verlagen über ihre Arbeit."

Bij deze gelegenheid was Monika Götze zo vriendelijk een vertaling te maken van de rede van Joop Visser aan aanwezige leden van het Gutenberg Gesellschaft en andere geïnteresseerden:

"Der niederländischen Legende nach, ist der Lehrling Gutenberg eines Nachts davongeschlichen und hat aus der Werkstatt Janzoon Costers einige Schriften mit nach Mainz genommen.

In diesem Zusammenhang erfreut mich folgender Satz besonders:
"...die Kunst is vonden tzo Mentz... so doch die eyrste Vurbyldung vonden in Hollant"; 1499, Chronik der heiligen Stadt Köln.
Zitiert nach einer "unverdächtigen" Quelle, auch wenn immer im Dunkeln bleiben wird, was denn nun mit "Vurbyldung" gemeint ist.

Das Stundenbuch ist der Vorläufer des Künstlerbuchs in den Niederlanden und stand sozusagen an seiner Wiege. Von der Blütezeit zeugen Exemplare aus Gelre, sowie der internationale Höhepunkt "Les Très Riches Heures du Duc de Berry" von den Brüdern Paul und Herman Limburg und Herman Maelwael.

Sie alle beschäftigten sich mit 'Infinitesimalrechnung' wie Erwin Panofsky (1892­1968) es nannte: Das Bestreben illusorisch vorzudringen, bis ins kleinste Detail.

Gegenüber den "spektakulären" Künsten ist die Buchkunst eine Kunstform mit stark introspektivem Charakter und einer daran verbundenen Eigenheit, die sehr häufig bei den niederländischen Buchkünstlern und ihrer Arbeitsweise vorkommt, nämlich: alles selber machen zu wollen.

Eine hierarchische Produktionsweise gehörte dabei nie zu den starken Seiten der niederländischen Mal-"Ateliers".
Ein wunderbares Beispiel ist immer noch das Atelier von Rembrandt, der zwar Lehrlinge hatte, diese aber vor allem ihre eigenen Projekte anfertigen ließ, so dass er seine eigenen Gemälde und Drucke selbst zu der individuellen künstlerischen Ausdrucksform machen konnte, wie wir sie heute kennen.

Nicht nur in der Malerei, wozu das "Miniatuur" gehört, kann dies bis zu einem Ursprung zurückverfolgt werden, auch in der Grafik gibt es einen deutlichen Anfangspunkt.
Der aus Antwerpen stammende Holzschnitzer und Graveur und vor allem im
Mehr-Farben-Druck spezialisierte Drucker Jost de Negker muss eine besondere Arbeitsbeziehung mit Lucas van Leyden gehabt haben. Jost de Negker hat ihm den Weg zu sich selbst, zu seinem eigenen Werk, und somit zu Grafik, als selbstständiger Kunstform, gezeigt.

Wir schreiben das Jahr 1510.
"De Melkbocht" oder ""Het Melkmeisje/Das Milchmädchen" ein Druck ­ Abdruck im Sinne einer Contraform zur individuellen Spur eines Hirschs, im Boden ­ ist von da an eine Bereicherung der Ikonographie und Grundlage des persönlichen uvres von Lucas van Lijeden und ist der Anfang der freien, niederländischen, nicht-religiösen Grafik.

Was zu Albrecht Dürers Zeiten "dumme Arbeit" genannt wurde, die Arbeit der "Formschneider" und "Briefmaler", wurde dagegen von vielen niederländischen Künstlern wegen dem, was sie bei Jost de Negker und Lucas van Leyden gesehen hatten, als Möglichkeit betrachtet, die Technik selbst, in eigener Hand, zu entwickeln und sie zu einer eigensinnigen, künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit zu machen, die wesentlich zu der fesselnden Qualität der Kunstwerke und des gesamten Fachs beigetragen hat.

Darin zeigt sich auch das Verantwortungsgefühl dem eigenen Beruf gegenüber, das die niederländischen Künstler bis heute im wesentlichen beschäftigt.

Außerhalb der eigenen Kreise führte dies oft zu abschätzigen Äußerungen wie "der Meister macht die Arbeit des Knechts". Aber in einem Land, in dem die bürgerliche Kultur gepaart geht mit einem starken Hang zu kompromissloser Individualität, konnte dies zu einem Merkmal für Handwerker beziehungsweise Künstler werden und ist in jeder Phase der niederländischen Kunst zu finden.
Es scheint, das vieles, was sich auf diesem Gebiet entwickelt hat, sich vor allem dem Kokon der äußersten Intimität verschrieben hat.
In dieser Tradition befinde ich mich.

Daneben gibt es mein Arbeitsfeld:
Aus dem höchsten Norden, bis in den tiefsten Süden ist uns eine ununterbrochene Produktion von Dinge bekannt. Dinge gemacht aus unterschiedlichsten Materialien, wie Zähne, Knochen und Stein, sowie aus jedem anderen denkbaren Material, viele tausend Jahre vor Christus bis heute. Unverkennbar in Negativ und/oder in Spiegelbild geschnitten. Zeichen und Bilder zusammen auf Stempeln die sich, wo sie speziell Rollstempel sind, dem "Gesetz von Alpha bis Omega" entziehen. Damit aber zwingen sie zu einer rhythmischen Leseweise, weil wir einer an das Leben inherenten, linearen darstellend-erzählende Bedeutung nicht entgehen können.
Die einfachste Konkretisierung, das Denken über Erzählweisen, das Drucken selbst usw. bis an jede Design-Entwickelung, alles ist da, nur die Entscheidung 'ein Buch' zu machen ist noch nicht gefellt worden.
Dem Enstehen des Werkes verpflichtet, welche Form auch immer sich entwickeln wird, suche ich, mein Lebenlang, einen Weg.
Und dies alles, ohne jegliche Voraussetzungen.

Ich bin Nicht-Träumer.

Ich bin ein Idealist ­ nicht etwa freiwillig, sondern gezwungener Maßen.
Meine Motivation ist Lebenserfahrung.
Das Leben existiert durch die Gnade einer Mehrheit und unterschiedlichster Individuen ­ einer Vielzahl Individuen, mit einer inhärenten Vielzahl von Biotopen ­ die somit Basis jeden Lebens sind.

Ich vertrete den rund zweitausend Jahre alten wissenschaftlichen Grundsatz: "Was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen". Das bedeutet: Wenn ich die Vielfalt des Lebens genießen möchte, muss ich diese Vielfalt auch fördern.

Dies ist meine individuelle Lebenseinstellung und kein Glaubensgrundsatz, den ich hier, oder wo auch immer verbreiten möchte.

Angesichts des äußerst eingeschränkten räumlichen Aktionsradius des Menschen, ist alles veränderbar.

Ich bin niemand, der jubelnd aufspringt, wenn eine Definition zu Einschränkungen führt. Ein Beispiel: Selbst ein schlecht gefaltetes Heft hat noch viel Nutzen bei der Einteilung eines Papier-Bogens nach den Prinzipien von Tschichold.

Aber: Dieses Prinzip dient zu nichts anderem.

Schlimmer noch: Es basiert lediglich auf den technischen Erfahrungen und Möglichkeiten der damaligen Zeit, in der die Mittel sehr primitiv waren. Zudem verweigert es sich komplett jeglichen weiterführenden Entwicklungen oder gar künstlerischen, inhaltlichen Überlegungen.

Dies zum einen, aber von noch größerer Bedeutung ist das Folgende:

Als Komponist von unter anderem Musik für Glockenspiele korrespondiere ich mit einer ausgesprochen talentierten Glockenspielerin, einer japanischen Dame, die seit vielen Jahren auf sehr gute und schöne Weise klassische und moderne westeuropäische Musik auf den wichtigsten Glockenspielen Westeuropas, zum Beispiel in Wiesbaden, spielt. Wenn sie mir eine Ansichtskarte mit einer vertikalen Abbildung schickt, schreibt sie meine Adresse und ihre Mitteilung auf der Kartenrückseite (oder sollte man besser Vorderseite sagen, dient doch die Abbildung lediglich zur stimmungsvollen Begleitung des Geschriebenen) ebenfalls vertikal, für postalische Begriffe eine sehr verwirrende Vorgehensweise.

Nun könnte man annehmen, sie habe "dies alles wohl nicht so richtig verstanden", aber das ist bei ihren Qualitäten eine zu paternalistische Annahme.
Außerdem: Was soll man dann von vergleichbaren Fällen halten bei denen mann denn verfasser nicht einmal kennt?

-In diesem Zusammenhang möchte ich die Klangwelt des Gamalan des Sultanats Djokja, in dem meine Mutter aufwuchs, anführen, die einen unverkennbaren Einfluss auf mich hatte, und die meinem Musikstudium widersprach.

Vor noch nicht all zu langer Zeit wurde ich mal wieder von einem Deutschen darauf hingewiesen, dass mein "Durchschuss" nichts tauge.

Als Organisator, Kurator und Einrichter der Ausstellungen im Friesischen Grafik Museum in Joure bekomme ich regelmäßig zu hören, dass man doch sogleich sehe, dass es sich um "Französische Typographie" handele.

Es schmeichelt mir, wenn der Verleger (manchmal verlege ich bei anderen) meine englischen Gedichte in dem typischen "Englischen Schrifttyp", der sich unwillkürlich bei mir eingeschlichen hat, so übernehmen möchte, obwohl sie dadurch von allen anderen Texten des Verlags abweichen.-

Wir dürfen also ohne allzu großes Bedauern festhalten, dass die Buchkunst zum Terrein des "Guten Geschmacks" gehört.

Diese Qualifizierung beinhaltet jedoch einen bedeutenden, moralischen Anspruch: Es gibt einen Unterschied zwischen "snob appeal" und dem Ausdruck von humanistischen Werten, die in einer Gesellschaft formgebend sein sollten.

So hat bei mir die Bedeutung der Schönheit eines Ganzleder-Einbandes deutlich eingebüßt, nachdem ich die zusammengeklumpte, vollkommen fleckige Verwüstung nach der Überschwemmung in Florenz während meiner Studienzeit in den sechziger Jahren gesehen hatte. Zwanzig Jahre später, während meiner Arbeiten bei dem Unesco-Projekt in der geschlossenen Bibliotheca Barbarrigo in Monte Fiascone, lernte ich die Leichtigkeit der Koptischen Bindung zu schätzen.

Diese Wertschätzung fügte sich wunderbar in den Wertekanon meiner Studienzeit, wie "Lesbarkeit", "Funktionalität" und "ehrlicher Umgang mit den Materialien", an der ,Rijks Academie' der Bildenden Künste zu Amsterdam und dem daran angeschlossenen Studium an der ,Academie van Bouwkunst'.

Inzwischen hatte ich schon längst erkennen müssen, dass "Funktionalität" ein weitreichender Begriff ist, der weitführende Studien und daraus resultierende Begriffsbestimmungen erfordert.

Während dieses Studiums, der Reise zur räumlichen Perspektive, wurde der beschriebene Aktionsradius des Menschen auf derartige Weise vergrößert, dass der Begriff zerfiel und fruchtbaren Wegen Platz machte, die die Arbeit, das vre, das Opus öffnen, um Teil der Entwicklungen des menschlichen Bestehens sein zu können.

Wer die faktisch unansehnliche Sammlung der Manuskripte "The Exeter Book" je gesehen hat, wird die rührende Relativierung der Gefühle verstehen, die bei dieser ultimativen Sammlung von Erkenntnissen einer Kultur gehören, die sich am Rande des Abgrunds wusste und für die Ewigkeit festlegen wollte, was Bedeutsam war.

Hierbei galt alles, nur keine totalitäre Eingrenzung oder Perfektion, wie etwa in der Bibel, die "von und für Gott" war, und alles ganz genau wusste ­ so aber nicht bei einem "Buch für Menschen": ,Für die Unsrigen, die nach uns kommen'

Dies ist der kulturelle Rahmen in dem ich aufgewachsen bin.

Ich versuche durch meine Arbeit etwas von dem zu verstehen, was wiederum zur Folge hat, dass ich a priorie keine Begrenzungen zulassen kann.

Ich bin ein Komponist, der sich in der glücklichen Lage befindet, dass seine Stücke international aufgeführt werden; ich bin ein Autor, dessen Arbeit übersetzt und verlegt wird und ich bin ein bildender Künstler, der ein Arbeitsgebiet hat, von in Auftrag gegebenen, von anderen ausgeführten Skulpturen bis zu Unikatbüchern, bei dessen Ausführung ich alle bestehenden grafischen und buchbinderischen Techniken selbst beherrsche, oder in Zusammenarbeit mit anderen ausführen kann und darf.

Und indem ich dies tue, erforsche ich in unumgänglicher Beziehung zu mir selbst, Thema und Material.

Joseph Johannes Visser,

Easterlittens, 17-07-2003 / 05-06-2006

Übersetzt von Monika Götze, Berlin

Anmerkung der Übersetzerin:

Auch der sprachliche Stil des Joseph Johannes Visser spiegelt den Freiheitsdrang und sein Kunstverständnis wieder, wobei er Regeln wie Satzbau und Sinnzusammenhang bis an die äußersten Grenzen treibt. Hier eine Übersetzung anzupassen, die sowohl dem Textverständnis, der deutschen Grammatik, als auch dem individuellen Visserschen Sprachstil gerecht wird, ist eine große Herausforderung.

Monika Götze


INDEX

Joseph J. Visser in the P.K.Yavorov Library in 2007; page 2